Erfolgsstrategie: Lern-Bulimie?
04. Juni 2008 von UlrichVor kurzem erzählte ein befreundeter Pädagoge, der seit langem in der Lehrerfortbildung arbeitet, dass das Phänomen des „Bulimie-Lernens“ immer mehr zunimmt. Und zwar besonders ab der fünften Klasse im Gymnasium, weil dort die Kinder plötzlich mit einer viel größeren Fächervielfalt und einer manchmal erdrückenden Stoff-Fülle konfrontiert werden. In dieser Situation sehen viele Schüler – und übrigens oft gerade die besseren – die einzige Erfolgstrategie darin, kurz vor der nächsten Klassenarbeit möglichst schnell möglichst viel in sich hineinzustopfen und das dann punktgenau wieder von sich zu geben. Eine durchaus „rationale“ Lernstrategie – zumindest kurzfristig. Auf lange Sicht bleibt so natürlich entschieden zu wenig hängen, um dauerhaften Lern- und Schulerfolg zu garantieren. Und das macht Lehrern und Eltern natürlich Sorgen.
Was tun? Wie kann man seine Kinder davon überzeugen, mehr zu „investieren“ als unbedingt für die nächste Prüfung nötig? Wie kann man „nachhaltige“ Lernstrategien fördern? Eine der Antworten könnte, um im Bild zu bleiben, analog zum Slow Food, „Slow Learning“ heißen. Also nicht auf den schnellen Sättigungseffekt bzw. Prüfungserfolg setzen, sondern auf Spaß und Qualität, Authentizität, Relevanz und Problembezug. Und dadurch Lust aufs Lernen machen und zum Lernen „verführen“! Sicherlich ein großes Ziel und leichter gesagt als getan. Aber für mich dennoch eines der wichtigsten Motive, an innovativen Lernprodukten und Lernsoftware zu arbeiten, die mehr leisten, als „Lernstoff zu vermitteln“…
Kurzum: Meine künftigen Scoyo-Blog-Beiträge werden in der ein oder anderen Form sicher immer um die Frage kreisen: Was können digitale Lernangebote, Online-Lernplattformen, Games und Animationen dazu beitragen, damit Kinder – gerade in den kritischen Klassen 4 bis 7 – nicht den Spaß am Lernen verlieren, mit dem sie normalerweise in der ersten Klasse gestartet sind?
Aber neben dieser großen Frage werde ich natürlich auch versuchen, alles was mich an interessanten News, Infos und Beobachtungen erreicht – egal auf welchem Weg und bei welchem Anlass – hier einzuspielen… (Z.B. die aktuelle DPA-Pressemeldung, nach der die Bildungsausgaben in Deutschland im Jahr 2006 nicht etwa gestiegen sondern sogar von 6,3 auf 6,2 % des Bruttoinlandsprodukts gesunken (!) sind.) Na denn, warten wir gespannt auf bessere/aktuellere Zahlen…
Tags: Bildungsausgaben, Didaktik, Lernspaß, Lernstrategie, Schulerfolg, scoyo








04. Juni 2008 at 21:47
Den Gedanken mit dem Bulimie-Lernen finde ich ganz treffend und erinnert mich an meine eigene Schul- und Lehrzeit. Wenn Online-Lernangebote bei den Schülern eine bessere Ausdauer, größere Kontinuität und langfristige Lernerfolge unterstützen könnten, wäre das sicherlich ein Erfolg. Spielerisch lernen klingt auch gut – allerdings ist doch Fakt, dass die Schüler einen ziemlich großen Lernstoff bewältigen müssen, da bleibt für das spielerische Element in der Praxis kaum Zeit – und im Zweifel wird man sich dann doch wieder für das Bulimie-Lernen entscheiden- weil man damit gute Noten ernten kann. Ganzheitlich Lernen ist an den Schulen, die ich kenne, leider noch ein Fremdwort.
05. Juni 2008 at 03:09
Nicht zu vergessen, dass es sich bei den 6.2% Bildungsausgaben in 2006 um die Summe aller Ausgaben, also auch privater handelt.
Die Bildungsausgaben aus öffentlichen Haushalten machten 2006 4.53% des BIP aus. Mehr als ein halbes Prozent weniger als der EU Durchschnitt von 5.05%.