Kommerzielle Schulen als Alternative?

02. Juni 2008 von Ruth

Überfüllte Klassen, gestresste Lehrer, vollgerümpelte Lehrpläne: Viele Eltern zweifeln an der Qualität der staatlichen Schulen. Die Phorms AG hat den Trend erkannt und bietet eine Alternative an. Eine kommerzielle Grundschule soll demnächst in Hamburg eröffnet werden. Kleine Klassen, bilingualer Unterricht, familienfreundliche Schulzeiten (9 bis 16 Uhr) und „Elite-Lehrer“ machen den Mund wässrig. Das ganze hat natürlich seinen Preis: Zwischen 200 und 900 Euro monatlich soll das neue Angebot kosten, gestaffelt nach dem Einkommen der Eltern, schreibt das Hamburger Abendblatt. Vielen Eltern ist es das Wert: Rund 100 Anmeldungen liegen laut Abendblatt dem Unternehmen schon vor.

Ist das ein weiterer Baustein in der Schullandschaft oder bereitet sich hier ein grundlegender Wandel des Schulsystems vor? Sind kommerzielle Schulen die Lösung für gestresste Kinder und Eltern oder sind wir mit der Reform des staatlichen Schulwesens bereits auf einem guten Weg – für alle? Oder gibt es vielleicht noch eine andere Alternative?

Da dies mein erster Blog-Beitrag ist, möchte ich mich kurz vorstellen: Ich arbeite im Marketing von scoyo im Brand Management Team. Wir erforschen den Markt und möchten unsere Zielgruppe so gut wie möglich verstehen. Wie reagieren Lehrer auf den wachsenden Schulstress? Was motiviert Kinder zum Lernen? Wie gehen Eltern mit dem Spagat von Erziehungsauftrag und freier Entfaltung des Kindes um?

Ich freue mich auf engagierte Diskussionen hier im Blog.

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5 Antworten zu “Kommerzielle Schulen als Alternative?”

  1. Sachar Sagt:

    Grundsätzlich habe ich nichts gegen private Einrichtungen. Vielleicht kommt es auch daher, dass ich an einer privaten Uni studiert habe und mich dort über gute Ausstattung, kurze Wege zu den Dozenten und einen Bezug zur Praxis freuen konnte.

    Allerdings sehe ich nur dann eine Chance für private Einrichtungen, wenn genug Kinder und auch später Studenten, die sich den “Spaß” nicht leisten können durch Vollstipendien unterstützt werden. Wer gute Leistung bringt, sollte auf keinen Fall auf der Strecke bleiben – Vermögen hin oder her.

  2. Ruth Sagt:

    In den USA ist dieses Stipendien-System tatsächlich bereits sehr gut aufgesetzt. Davon sind wir in Deutschland leider noch weit entfernt. Selbst 200€ im Monat wird für viele Eltern unerreichbar sein. Aber warten wir ab, vielleicht hat sich die Phorms AG ja von dem amerikanischen System inspirieren lassen?

  3. Jo Sagt:

    jetzt fehlt nur noch.. “von den Amerikanern lernen heißt siegen lernen”…;-) ich finde es erstaunlich, dass ein solches Thema so “verkürzt” auf vermeintliche Effizienz diskutiert wird. Sicher sind kurze “Wege”, jederzeitige Ansprechbarkeit, gute und zeitgemäße Ausstattung nicht nur wünschenswert, sondern notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen. Ich will jetzt gar nicht von solch “hehren Zielen” wie Emanzipation und möglichst großer Chancengerechtigkeit reden, aber auch unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten scheint mir das System der völligen Kommerzialisierung erst von Ausbildung und daran anschließend von Bildung ( oder deren völligen “Ersatz” durch Ausbildung) doch mehr als problematisch. Nicht umsonst sind gerade amerikanische Universitäten auf einen “florierenden Import” ausländischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angewiesen, um weiter “an der Spitze” zu stehen und ihre zweifellos vorhandenen finanziellen Ressourcen sinnvoll nutzen zu können. Von daher wäre es wohl sinnvoller, sich über eine bessere finanzielle Ausstattung und Reformen über Organisation und Ziele von Schule Gedanken zu machen als das Heil in der “Flucht in die Kommerzialisierung” zu suchen… ja mir ist klar, dass das dem Zeitgeist entgegen steht;-) nichtsdestotrotz ist es die nachhaltigere Variante

  4. Ruth Sagt:

    Das Thema Bildung sollten wir auf keinen Fall aus Effizienz-Gründen auf “Kommerzialisierung gut – Massenabfertigung schlecht” verkürzen. Ich habe (dank Stipendium) auch in den USA studiert und habe eine verblüffende Erfahrung gemacht. Einerseits waren die Campus-Bedingungen schlicht göttlich (offene Türen, intensive Betreuung, kleine Kurse), andererseits war der Unterricht stark verschult und mehr Auswendiglernen als eigenständiges Denken. Was ist also die Lösung?

    In meinem persönlichen kleinen Paradies würde man den deutschen Lehrplan und unsere Ermunterung zum Forschen mit der Betreuung und der Ausstattung der amerikanischen Einrichtungen verknüpfen. Und dabei möchte ich nicht mit dem Hammer “Kommerzialisierung” drohen, sondern ich möchte ein Bildungsangebot, das einfach besser ist und für alle finanzierbar. Gibt es nicht? Ich denke doch. Aber das Paradies wurde ja auch nicht an einem Tag gebaut.

  5. Jo Sagt:

    ohne jetzt den Enthusiasmus bremsen zu wollen und mit einem vergleichbaren Wunsch nach “paradisischen Zuständen” glaube ich dennoch, dass das “reine Ändern der Umstände” zu kurz greift. Es geht da eher um Wertmaßstäbe, um die Ausrichtung eines großen Teils von “Gesellschaft” – so sie denn überhaupt noch als einigermaßen einheitliches System zu identifizieren ist – um die Prioritäten, die als wichtig und richtig erkannt werden. Die “Effizienzsteigerungen” in Schule, die unreflektierte Outputorientierung in Kombination mit “ziellosen” Steuerungsversuchen, die mangels klarer bzw. falscher Zielperspektive das Chaos eher vergrößern (vgl. aktuelles Zentralabi in NRW) und die ersten “Produkte”, die an Universität ankommen, lassen mich doch “etwas” an der “Ermunterung zum Forschen” und der Wirksamkeit deutscher Lehrpläne zweifeln. Jedenfalls scheint die Studierfähigkeit damit nicht wirklich besser zu werden…und gleichzeitig wird die von vorneherein geringe “Chancengerechtigkeit” noch weiter abgebaut…. die typisch deutsche “Diskussion” mit den “Kontrapunkten” Chancengerechtigkeit/Emanzipation versus Eliteförderung/Effizienzsteigerung.. so als wären das “natürliche Gegensätze”…
    wenn man sich nicht vom “Gedanken” einer tiefgreifenden Steuerung bei gleichzeitiger Vergrößerung verfügbarer Ressourcen verabschiedet, wird sich das “Paradies” kurzfristig wohl nicht einstellen;-)
    Die Frage, was man zuerst ändern muss, die Rahmenbedingungen und Ressourcen oder das “Bewusstsein” und die Wertschätzung von Bildung in Gesellschaft, hat was von der Henne/Ei-Problematik… es wird nur beides gleichzeitig Sinn machen

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