Ist die Schule ein Elfenbeinturm? Diskussionen auf der “Kid On”

27. Oktober 2008 von Ruth

Am Freitag hat in Berlin die Kid On, der Kongress für Kinder- und Jugendkommunikation der Agentur cobra youth, stattgefunden. Thema war diesmal die “Bildungskommunikation”. Das Programm war dreigeteilt – vormittags Vorträge, nachmittags Podium-Diskussion und abschließend Fokusgruppen mit Lehrern und Schülern. Zu diskutieren gab es vieles, eines der Highlights war sicherlich der hervorragende Moderator Frank Wittig mit seinen markanten Aussagen (”Hinterfotzige Strategien sind nicht gerne gesehen, wie der Bayer sagt”). Ich liste hier einfach mal die Haupterkenntnisse auf, die ich von der Kid On mitgenommen habe:

  • “Bildungskommunikation heißt, Themen inhaltlich aufzubereiten, die in die Schule passen, und dabei gleichzeitig eine Kommunikationsleistung für das Unternehmen zu erbringen” (Christopher Schering, Geschäftsführer cobra youth communications)
  • Produktwerbung an den Schulen ist in drei Bundesländern erlaubt: Berlin, Sachsen-Anhalt und Bremen
  • Beispiel für Bildungskommunikation, das auf der Kid On präsentiert wurde: Die “Smarty Pants Besserwisser Schultour 2008″ von EA, bei der EA 20 Schulen besucht hat, um das Spiel vorzustellen. Einen “höheren fünfstelligen Betrag” hat die Aktion laut Heiner Kuhlmann, Produkt Marketing Manager von EA, gekostet, erreicht wurden etwa 4000 teilnehmende Schüler und 9500 Zuschauer.
  • Bei der Podiumsdiskussion wurde es richtig spannend: Mit Christian Fronczak, Pressesprecher des Verbraucherzentrale Bundesverbands, und Anke M. Leitzgen, freie Bildungsjournalistin und Autorin, saßen zwei Gäste auf dem Podium, die vehement Position gegen Produktwerbung an Schulen bezogen haben. Fronczak hat für die Schulen “klare Vorgaben, mehr Bund” gefordert, daran erinnert, dass man die Bundesregierung in die Pflicht nehmen muss, und eine deutliche Warnung ausgesprochen: “Wenn wir die Schulen stärker unternehmensseitig finanzieren, besteht die Gefahr, dass die öffentliche Förderung zurückgefahren wird”. Dagegen hat Hans Meyer-Albrecht, Regierungsdirektor im Kultusministerium Sachsen-Anhalt, für mehr Gelassenheit plädiert: “Wir brauchen keine Regelungen vom Bund. Lasst die Schulen entscheiden, was mit dem Erziehungsauftrag übereinstimmt. Die Schule ist kein Elfenbeinturm.”
  • Günther Wollmer, Pädagoge, hat anschließend die Lehrersicht in die Diskussion getragen. Was erwartet eigentlich ein Lehrer von Bildungskommunikation, die er im Unterricht verwenden möchte? Entlastung für die Lehrer, Motivation für die Schüler und aktuelle Ergänzungen zu den Schulbüchern. Warum der erste Punkt so wichtig ist, hat Wollmer auch gleich schlagkräftig bewiesen: Jeder Lehrer, so Wollmer, gibt pro Jahr 750€ für Materialen und Klassenfahrten aus – und die zahlt er aus eigener Tasche.
  • Konkret muss laut Wollmer eine Broschüre diese Anforderungen erfüllen: Schwarz-Weiß-Kopien müssen möglich sein (kein Vierfarb-Druck), keine großflächigen Bilder (das Kopienzahlenkontingent der Lehrer ist beschränkt), am Ende braucht es weiterführende Adressen, Arbeitsanweisungen, Lernziele und Lösungshinweise.
  • Und schließlich hat Wollmer noch den typischen Lehrer vorgestellt: Das Durchschnittsalter liegt bei 48 Jahren, der Frauenanteil beträgt 65%, Lehrer mit Migranten-Hintergrund machen 0,8% der Belegschaft aus, und die meisten Grundschul-Lehrerinnen (80%) sind nicht Technik-affin.
  • Bei der Fokusgruppe Lehrer wurden Wollmers Forderungen untermauert. Erstaunt hat mich dabei, dass die Lehrer vor allem Wert auf eine inhaltliche, pädagogische Aufbereitung der Materialien legen (13 Stimmen) – Werbefreiheit (3 Stimmen) ist dagegen deutlich untergeordnet.

Also wieder viel gelernt, einiges hinter die Ohren geschrieben, neue Kontakte geknüpft – und bei der ICE-Verbindung auch noch Glück gehabt, die sind nämlich brav gefahren.

Podiumsdiskussion, v.l.n.r.: Hans Meyer-Albrecht, Anke M. Leitzgen, Richard Heinen, Frank Wittig, Christopher Schering, Christian Fronczak

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4 Antworten zu “Ist die Schule ein Elfenbeinturm? Diskussionen auf der “Kid On””

  1. zazou Sagt:

    Ich war auch auf der Konferenz und fand die Programmpunkte teilweise recht schwach…. Vor allem die Präsentation zum Projekt von EA! Das hat doch nicht wirklich was mit Bildung zu tun, Leute! Das ist eine Werbetour an Schulen. Zum Glück haben das auch die meisten Besucher so gesehen… nicht alle lassen sich durch solche Phrasen beeindrucken… Bildungskommunikation sollte doch auch irgendwie Wissen vermitteln, oder? Ach so ja klar, wissen wie das neue Computerspiel geht ist schon auch wichtig. Davon abgesehen: 4000 direkte Kontakte für 100.000 Euro! Hallo ist jemand da?!

  2. Ruth Sagt:

    Der Fairness halber – die Rechnung könnte auch anders lauten, z.B. 70.000€ für 13.500 erreichte Schüler, also 5€ statt 25€ pro Schüler.

    Die Zahlen sind aber Raterei, interessanter ist deshalb für mich die Frage, wie die gesamte Aktion ankam. Ich hätte erwartet, dass die Lehrer beim Feedback deutlich kritischer sind. Aber laut Kuhlmann waren die Reaktionen ja sehr positiv.
    Bleibt die Frage, ob das Bildungskommunikation ist – oder vielleicht eher eine Kommunikationsmaßnahme in einem Bildungsinstitut? Bei Bildungskommunikation würde ich auch mehr Bildungs-Vermittlung erwarten.

  3. zazou Sagt:

    ok, meine Rechnung war natürlich die ungünstigste Variante… aber ich finde auch: wichtiger ist hier die Frage nach dem Inhalt! Wollen die Lehrer das wirklich so? Wenn ich das Projekt richtig verstanden haben, habe die Schulen Geld dafür bekommen, dass der Bus dort Station gemacht hat… Nimmt die Schule das deswegen hin? Mich ärgern solche inhaltsschwache Projekte immer etwas, weil sie die gesamte Kooperation Wirtschaft-Schule in ein schwieriges Licht tauchen. Dabei gibt es so viele schöne Beispiele, wir Unternehmen ihr Wissen an Schulen tragen und wirklich beide etwas davon haben. Meine Meinung: Schule ist ein sensibler Raum, das übliche Jugendmarketing sollte hier nicht angewendet werden. innovative Projekte sind gefragt!

  4. Ruth Sagt:

    Aber das war ja gerade das Verblüffende für mich – Heiner Kuhlmann meinte doch, die Schulen hätten kein Geld erhalten, nur der Gewinner einen “sehr kleinen” Betrag für die Klassenkasse. Oder habe ich das falsch mitbekommen? Wenn die Schule kein Geld erhalten hat, hat sie sich für diese Aktion entschieden, weil sie sie eben sinnvoll fand. Wirft für mich die Frage auf: Was wollen die Schulen? Meine Lehrerin-Mutter würde sicherlich andere Aktionen bevorzugen. Aber vielleicht sieht eine jüngere Lehrer-Generation das anders, vielleicht mit einem anderen Blick auf die Schüler?

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