Medienkompetenz
Sicher unterwegs im Internet (Teil 1)
Ist auch Ihr Kind zwei- bis dreimal in der Woche oder sogar täglich online? Dann entspricht es durchaus dem Bundesdurchschnitt.
Es wäre ein Trug- schluss, technische Bedienkompetenz und Medienkompetenz gleichzusetzen.
In wenigen Jahren hat sich das Internet vom Nischenmedium zu einem der populärsten Massenmedien in der Bundesrepublik entwickelt. Binnen vier Jahren wuchs die Reichweite von 6,5 % in der erwachsenen Bevölkerung im Jahr 1997 auf 73,3 % im Jahr 2011 (vgl. ARD-ZDF-Online-Studie 2011). Es ist nur noch eine Frage von wenigen Jahren, bis eine Vollversorgung der Bevölkerung mit internetfähigen Endgeräten erreicht sein wird.
Während vor allem ältere Menschen mit PC und Internet noch immer auf Kriegsfuß stehen, gehen die meisten Kinder sehr viel selbstverständlicher mit dem Medium um. Laut KIM-Studie 2010, einer Langzeitstudie über die Mediennutzung von Kindern, gaben 43 % der befragten Kinder im Alter zwischen 6 und 13 Jahren an, regelmäßig im Internet zu surfen. Bei Jugendlichen im Alter von 14-19 Jahren liegt der Prozentsatz zumindest gelegentlicher Internetnutzer statistisch sogar bei einem Wert um 100 % (vgl. ARD-ZDF-Online-Studie 2011).
Wenn man bedenkt, wie früh heute Kinder mit moderner Kommunikationstechnologie in Berührung kommen, ist es nicht verwunderlich, dass manche Eltern im Umgang mit dem Computer bei ihren Kindern in die Lehre gehen können. Es spricht vieles dafür, dass sich der Trend immer früher beginnender Medienerziehung weiter fortführen wird. Die Bedienung von Computern insbesondere der neuen Tablet-PC-Generationen mit intuitiver Gestensteuerung wird immer einfacher, wodurch sie prinzipiell sogar für Kleinkinder geeignet sind (siehe Spiegel-Online-Artikel: Das Patschpäd).
Natürlich macht es Eltern stolz zu sehen, wie routiniert ihre Kinder mit internetfähigen Computern umgehen können. Das mag mitunter auch ein Grund dafür sein, dass Eltern ihre Kinder vermehrt Online-Medien allein nutzen lassen.
Bei allem Zutrauen in die Fertigkeiten unserer Kinder sollte allerdings nicht vergessen werden, dass der virtuelle Raum Gefahren birgt, die von Kindern nicht richtig eingeschätzt werden, aber ganz reale Konsequenzen nach sich ziehen können. Es wäre ein Trugschluss, technische Bedienkompetenz mit Medienkompetenz gleichzusetzen, denn zur Medienkompetenz gehört die geistige Reife, Konsequenzen richtig bewerten zu können, eine Fähigkeit, die man bei Kindern nicht voraussetzen darf.
Die Beispiele, welche Auswirkungen bereits wenige Klicks im Internet haben können, gingen durch die Medien. Facebook-Partys im Vorgarten, finanzieller Ruin durch illegale Musikdownloads, Pädophile im Kinderchat – die Medien zeichnen ein einseitiges Bild vom Internet als eine Löwengrube, in der unsere Kinder drohen zu entarten, verführt oder missbraucht zu werden. Berichtet wird gern über skurrile Einzelfälle, die mit dem Erfahrungshorizont der meisten Internetnutzer wenig gemein haben. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass eine Facebook-Party im eigenen Vorgarten stattfindet, ist geringer als nach dem Verschlucken eines Kugelschreiberteilchens zu ersticken. Jedes Jahr sterben nachweislich 300 Menschen an einem Kugelschreiberteilchen und trotzdem würde niemand auf den Gedanken kommen, den Verkauf von Kugelschreibern ernsthaft auf die Medienagenda zu setzen. Zu kurz kommt in der Berichterstattung meist die andere Seite, nämlich die Information über Websites, auf denen Kinder sicher surfen können, auf denen geprüfte Medieninhalte zur Verfügung stehen, und die Aufklärung darüber, wie Surfen generell sicherer gemacht werden kann (siehe journalist-Online-Artikel: Sie überschätzen unseren Einfluss).
© journalist
Eines steht fest:Ja, im Internet werden jeden Tag Verstöße gegen den Jugendschutz begangen und geltendes Recht gebrochen. Nein, es ist nicht unvermeidbar, Opfer von Gefahren aus dem Internet zu werden. Man kann sich und seine Kinder gegen diese schützen. Und gerade im Bereich der Prävention gibt es noch viele offene Baustellen. In einer länderübergreifenden Studienreihe der Europäischen Union über Risiken und Sicherheit im Internet werden die folgenden Problemschwerpunkte im Web skizziert und bewertet. Die wichtigsten Gefahrenquellen im Umgang mit dem Internet bestehen in der exzessive Nutzung, in der Konfrontation mit pornografischem Material, in der Verbreitung erotischen Bildmaterials des eigenen Körpers (Sexting), im Cyber-Mobbing und im Treffen von Online-Kontakten offline. Es berichteten 41 % der befragten deutschen Kinder im Alter von neun bis 16 Jahren, mindestens einem Risikofaktor aus den genannten Kategorien im Internet bereits ausgesetzt gewesen zu sein (vgl. Cross-national comparison of risks and safety on the internet; EU kids online 2011).
Zusammenfassung der Online-Risiko-Faktoren in % (Quelle: Cross-national comparison of risks and safety on the internet; EU kids online 2011)
Sich im Internet zu bewegen birgt wie jedes menschliche Verhalten und Handeln Gefahren, die nicht vollständig ausgeschlossen werden können. Es wäre allerdings eine übertriebene und überdies aussichtslose Maßnahme, die Internetnutzung unserer Kinder drastisch einzuschränken oder gar gänzlich zu untersagen. Die weitaus wirkungsvollere Handlungsalternative von Eltern ist es, ein Problembewusstsein bei den Kindern zu schaffen, den Kindern Regeln und Handlungsanweisungen mit auf den Weg zu geben, den Rahmen, in dem Internet-Surfen stattfindet, so sicher wie möglich zu gestalten und eine Kultur der Offenheit zu pflegen.
Hier gibt es viele Möglichkeiten, die einfach und pragmatisch angewendet werden können, um das Risiko negativer oder gar traumatisierender Erfahrungen im Internet zu minimieren. Diese wollen wir in den nächsten Blog-Artikeln mit Ihnen teilen.
Cross-national comparisons of risks ans safety on the internet (PDF download)
ARD-ZDF-Online-Studie 2011 (PDF download)

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