Kinderpsyche und botswanische Tradition
18.06.2008Ein Buch, das auf der Focus-Bestseller-Liste auf Platz eins steht, sorgt für Diskussionen. Michael Winterhoff schreibt über ein alltägliches Phänomen aus seiner Erfahrung als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychotherapie: “Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden” heißt seine Veröffentlichung, die einige provokante Thesen aufstellt.
Außer Rand und Band geratene Kinder sind laut Winterhoff nicht mehr die Ausnahme, sondern das Ergebnis eines fundamentalen Missverständnisses in unserem Erziehungsleitbild. Eltern würden ihre Kinder heute als Partner betrachten, ihre eigene Unsicherheit auf die Kinder projizieren und in fataler Folge ein symbiotische Beziehung mit dem Kind eingehen, die das Heranreifen einer eigenen, stabilen Psyche verhindert.
Hier bewegt sich Winterhoff im Erfahrungsbereich seiner Praxis (der Erfahrungsbereich vieler Eltern sieht wahrscheinlich anders aus). Im Fazit der Leseprobe weitet Winterhoff seine Beobachtungen zu einer konkreten Empfehlung aus:
“Psychisch unreife Kinder und Jugendliche sind in letzter Konsequenz weder beziehungs- noch arbeitsfähig und stellen damit die Grundlagen unseres sozialen Zusammenlebens in Frage. Es ist dringend nötig, Kinder wieder als Kinder zu sehen, ihnen Orientierung und Struktur zu geben und damit zukunftsfähig zu machen. Gerade auf Grund der problematischen Lage in den Elternhäusern sind Lehrer und Lehrerinnen in der Schule umso gefragter, hier ihren Beitrag zu liefern.”
Winterhoff erklärt uns also, dass psychische Funktionen über aktivierte Nervenzellen etabliert werden, und das muss eben im frühkindlichen Alter trainiert werden. Und wenn das nicht klappt, sollen es die Lehrer richten. Sollen Pythargoras erklären, Respekt lehren, Konferenzen leiten, Schulhöfe beaufsichtigen, Erziehungstipps geben und Psyche richten.
Aber vielleicht geht der Weg eben nicht nur über die Lehrer, sondern vielmehr über ein neues Kulturkonzept, wie es auch die Präsentation zur neuen Kinderwelten-Studie von Superrtl auf Seite 24 anmahnt (Sarah hat in Familien in der Zerreißprobe ja schon über die Studie berichtet). Zunächst müssen wir erkennen, wo wir im Moment stehen. Nicht alle Kinder sind Tyrannen, und nicht alle Eltern sind verunsichert. Aber es gibt Tendenzen. Also brauchen wir Diskussionen, Ideen, Gemeinsamkeit – ein Umgang mit Kindern, der Eltern, Lehrer, Großeltern, Nachbarn und Kinder gleichermaßen einschließt.
Ich lese gerade mit viel Vergnügen “The No. 1 Ladies’ Detective Agency von Alexander McCall Smith. Das ist eine Art Miss Marple in Botswana und sicherlich keine Antwort auf unsere Fragen. Aber im fünften Band führt die Protagonistin aus, wie in Botswana ein ganzes Dorf an der Erziehung der Kinder beteiligt ist. Im Umkehrschluss fühlt sich das Kind als Erwachsener dann verantwortlich für jeden Mitbewohner im Dorf. Vielleicht brauchen wir für den Anfang etwas mehr gute, alte botswanische Tradition in Deutschland.






